Das Zielbild: Was bedeutet „cloudfrei“ konkret?
Bevor es an die Umsetzung geht, solltest Du das gewünschte Endergebnis klar definieren. Ein cloudfreies Shelly-System zeichnet sich durch folgende Punkte aus:
- Lokale Kommunikation: Das Gerät kommuniziert ausschließlich über das lokale Webinterface und das MQTT-Protokoll.
- Keine externen Verbindungen: Es gibt keine Verbindungen zu den Servern von Allterco Robotics.
- Unabhängigkeit von Apps: Du brauchst keine Shelly-App, alles läuft über Standard-Tools.
- Integration in smarte Systeme: Steuerung über Home Assistant, ioBroker, Node-RED oder eigene Software.
- Volle Kontrolle: Updates, Netzwerkzugriffe und Datenflüsse liegen komplett in Deiner Hand.
In diesem Modus werden Shelly-Geräte von cloudabhängigen Gadgets zu robusten, skalierbaren IoT-Komponenten.
1. Grundvoraussetzungen
Eine erfolgreiche Umsetzung steht und fällt mit der Basis. Stelle sicher, dass folgende Punkte erfüllt sind.
Hardware
- Shelly-Modelle: Unterstützt werden Geräte der Generationen 1, 2 und 3 (z. B. Shelly Plus 1, Shelly Pro 4PM). Achte darauf, dass das Modell zu Deinem Einsatz passt.
- WLAN-Infrastruktur: Ein stabiles 2,4-GHz-Netz ist Pflicht. Vermeide Mesh-Systeme mit dynamischen IPs, da diese häufig Probleme verursachen. Empfohlen sind statische DHCP-Leases oder ein dediziertes IoT-VLAN.
Software und Infrastruktur
- MQTT-Broker: Zentraler Nachrichtenverteiler, z. B. Eclipse Mosquitto. Installiere ihn auf einem Raspberry Pi, NAS oder Server im lokalen Netz.
- Optionale Steuerung: Home Assistant, ioBroker oder Node-RED. Alternativ eigene Software in Python, Go oder anderen Sprachen.
- Netzwerkzugriff: Admin-Rechte auf Router oder Firewall (pfSense, OPNsense, Fritz!Box), um Regeln setzen zu können.
Ohne diese Grundlagen wird die Einrichtung unnötig schwierig – prüfe sie vorab.
2. Ersteinrichtung über das lokale Webinterface
Shelly-Geräte lassen sich komplett ohne Cloud einrichten. Der Start erfolgt im Access-Point-Modus.
2.1 Shelly ins WLAN integrieren
- Schalte das Gerät ein. Es startet als Access Point mit der SSID
Shelly[Modell]-[ID]. - Verbinde Laptop oder Smartphone mit diesem WLAN.
- Öffne im Browser
http://192.168.33.1. - Trage die Zugangsdaten Deines WLANs ein.
- Das Gerät startet neu und verbindet sich mit Deinem Netzwerk.
- Ermittle die neue IP-Adresse über Router, nmap oder Tools wie Fing.
Tipp: Notiere Dir die MAC-Adresse für eine spätere statische IP-Zuweisung.
2.2 Zugriff auf das Webinterface
Nach der Einbindung erreichst Du das Gerät unter:
http://<Shelly-IP-Adresse>
Dort kannst Du:
- Relais und Sensoren manuell schalten
- Netzwerk, Skripte und Funktionen konfigurieren
- Firmware verwalten
Alles läuft komplett browserbasiert – keine App nötig.
3. Die Cloud endgültig deaktivieren
Jetzt folgt der entscheidende Schritt.
3.1 Cloud deaktivieren
Im Webinterface:
Settings → Cloud → Enable Cloud → OFF
Ab diesem Zeitpunkt:
- Keine externen Serververbindungen
- Keine Telemetrie
- Keine App-Fernsteuerung
3.2 Überprüfung
- Cloud-Status muss „Disconnected“ anzeigen
- Prüfe Firewall-Logs oder nutze Wireshark, um sicherzugehen, dass keine Verbindungen zu
shelly.cloudbestehen
Sollten trotzdem Verbindungen auftreten, prüfe Firmware-Version und Neustarts.
4. MQTT-only-Betrieb einrichten
MQTT ist das Rückgrat des cloudfreien Betriebs.
4.1 MQTT aktivieren
Im Webinterface:
Settings → MQTT
- Enable MQTT: ON
- Server: IP Deines MQTT-Brokers
- Port: 1883 (unverschlüsselt) oder 8883 (TLS)
- Benutzer/Passwort: setzen
- Client ID: eindeutig, z. B.
shellyplus1-ABC123
4.2 Topics verstehen
Beispiele:
-
Status:
shellies/shellyplus1-ABC123/relay/0 -
Befehl:
shellies/shellyplus1-ABC123/relay/0/command
Payloads: ON, OFF, toggle
Mit Tools wie MQTT Explorer kannst Du alles testen.
4.3 Vorteile von MQTT-only
- Sehr geringe Latenz
- Event-basiert, kein Polling
- Hoch skalierbar
- Komplett herstellerunabhängig
5. Lokale Steuerung ohne Cloud
Nach der MQTT-Einrichtung kannst Du Shelly flexibel integrieren:
- Home Assistant: Native Integration oder MQTT
- ioBroker: Shelly- oder MQTT-Adapter
- Node-RED: Visuelle Logik und Automatisierungen
- Eigene Software: Python (paho-mqtt), Go, C usw.
Das Verhalten entspricht professioneller IoT-Hardware.
6. Firewall-Regeln: Shelly einsperren
6.1 Ziel
- Erlauben: LAN + MQTT
- Blockieren: Internet
6.2 Beispielregeln
Erlauben
- TCP 80/443 → lokales Netz
- TCP 1883 oder 8883 → MQTT-Broker
Blockieren
- ANY → WAN
Zusätzlich:
- DNS nur lokal
- NTP intern, falls nötig
6.3 Ergebnis
- Schutz vor ungewollten Verbindungen
- Volle Kontrolle über Updates
- Maximale Isolation
7. Firmware und Updates ohne Cloud
Updates bleiben komplett bei Dir:
- Webinterface:
Settings → Firmware → Update - Alternativ lokale OTA-URL nutzen
Empfehlungen:
- Automatische Updates deaktivieren
- Changelogs lesen
- Versionen für Stabilität einfrieren
8. Vor- und Nachteile gegenüber Cloud-Betrieb
Vorteile
- Keine Hersteller-Abhängigkeit
- Funktioniert offline
- Schnellere Reaktionen
- Maximaler Datenschutz
- Skalierbar
- Keine App-Zwänge
Nachteile
- Kein Fernzugriff ohne VPN
- Mehr Eigenverantwortung
- Manuelles Update-Management
- Weniger Komfort
Für technisch Versierte überwiegen klar die Vorteile.
9. Typische Fehler und wie Du sie vermeidest
Häufige Probleme:
- Mesh-WLAN ohne feste IPs → statische Leases nutzen
- MQTT ohne Authentifizierung → Sicherheitsrisiko
- Automatische Updates → Cloud-Funktionen kommen zurück
- Alles im selben Netz → IoT in eigenes VLAN auslagern
Best Practices:
- Backup-MQTT-Broker
- Monitoring mit MQTT LWT
Fazit
Der cloudfreie Betrieb von Shelly-Geräten ist der technisch saubere und langfristig sinnvolle Weg. Du gewinnst Geschwindigkeit, Stabilität, Kontrolle und Unabhängigkeit – und machst aus einfachen Smart-Home-Geräten ernstzunehmende Automatisierungskomponenten.
Wenn Du willst, kann ich Dir konkrete Firewall-Regeln (z. B. pfSense), ein MQTT-Topic-Cheatsheet oder praxisnahe Beispiele für Home Assistant oder Node-RED ausarbeiten.
