1) Was Farbwiedergabe überhaupt bedeutet
Farbwiedergabe beschreibt, wie natürlich Farben unter künstlichem Licht aussehen, verglichen mit einem Referenzlicht (Sonne oder Glühlampe).
Das betrifft alles:
- Hauttöne
- Lebensmittel
- Holz, Stoffe, Lacke
- Kabel, Bauteile, Drucke
- Farben auf Papier oder Bildschirm
Schlechte Farbwiedergabe bedeutet nicht nur „unschön“, sondern oft auch anstrengend fürs Auge und im Alltag schlicht unpraktisch.
Wichtig:
Farbwiedergabe ist unabhängig von Helligkeit (Lumen/Lux) und unabhängig von der Farbtemperatur (Kelvin).
2) CRI / Ra – der klassische Farbwiedergabeindex
Der bekannteste Wert ist der CRI (Color Rendering Index), oft auch Ra genannt. Beides meint im Alltag dasselbe.
Wie CRI funktioniert
- Es werden 8 standardisierte Testfarben (R1–R8) beleuchtet
- Die Abweichung zur Referenz wird gemessen
- Das Ergebnis liegt zwischen 0 und 100
- 100 = perfekte Farbwiedergabe (theoretisch)
Typische Einordnung
- CRI < 80 → schlechte Farbwiedergabe
- CRI 80–89 → Standardqualität
- CRI ≥ 90 → gute Farbwiedergabe
- CRI ≥ 95 → sehr hohe Qualität
Im Wohnbereich sollte man unter 80 vermeiden. Für alles, was mit Farben zu tun hat (Küche, Bad, Werkbank, Foto, Video), sind 90+ sinnvoll.
Das große Problem von CRI
CRI ist alt und vereinfachend:
- nur 8 Farben
- keine gesättigten Rottöne
- keine Aussage darüber, wie Farben verfälscht werden
- ein einzelner Durchschnittswert
Eine Lampe kann CRI 90 haben und trotzdem Hauttöne leblos oder Lebensmittel grau wirken lassen.
3) R9 – der unterschätzte Killerwert
Ein besonders wichtiger Einzelwert ist R9.
Er beschreibt die Wiedergabe eines gesättigten Rottons.
Warum das wichtig ist:
- Hauttöne bestehen zu großen Teilen aus Rot
- Fleisch, Obst, Holz, Lippen, Kupfer, Rost ebenfalls
- LEDs haben hier oft massive Schwächen
Das Problem:
- R9 fließt nicht in den CRI/Ra-Wert ein
- Hersteller verschweigen ihn gerne
Faustregel:
- R9 < 0 → sichtbar schlechte Hauttöne
- R9 > 50 → brauchbar
- R9 > 80 → sehr gut
Wenn irgendwo nur „CRI 90“ steht, aber kein R9 angegeben ist, sollte man skeptisch sein.
4) TM-30 – der moderne Standard
TM-30 ist ein neueres, deutlich präziseres Verfahren, entwickelt von der Illuminating Engineering Society (IES).
Im Gegensatz zu CRI:
- 99 Testfarben statt 8
- realistischere Farbauswahl
- getrennte Bewertung von Farbtreue und Farbsättigung
- grafische Darstellung statt nur einer Zahl
TM-30 liefert zwei zentrale Werte:
Rf – Farbtreue
- vergleichbar mit CRI, aber deutlich genauer
- 100 = perfekte Übereinstimmung mit Referenz
Rg – Farbsättigung
- 100 = neutrale Wiedergabe
- <100 = Farben wirken entsättigt / flach
- 100 = Farben wirken kräftiger / gesättigter
Das ist wichtig, weil:
- leicht gesättigte Farben oft als „angenehm“ empfunden werden
- zu hohe Sättigung aber künstlich wirkt
TM-30 zeigt also nicht nur ob Farben abweichen, sondern in welche Richtung.
5) Warum TM-30 im Alltag kaum angegeben wird
Ganz einfach:
- aufwendiger zu messen
- schwieriger zu erklären
- weniger marketingtauglich als „CRI 90+“
Deshalb findet man TM-30 meist nur:
- bei hochwertigen Leuchten
- im professionellen Bereich
- in Lichtplanung, Film, Foto, Industrie
Für Endnutzer ist das schade, denn TM-30 ist dem CRI klar überlegen.
6) Typische Fehlannahmen
„CRI 80 reicht doch“
→ Reicht zum Sehen, nicht zum Wohlfühlen.
„Hohe Lumen = gute Lichtqualität“
→ Nein. Helligkeit kaschiert schlechte Farbwiedergabe nur kurzfristig.
„Warmweiß hat automatisch gute Farben“
→ Falsch. Auch warmweiße LEDs können miserable Farbwiedergabe haben.
„CRI 90 ist immer gut“
→ Nicht zwingend. Ohne R9 ist das nur die halbe Wahrheit.
7) Praxisempfehlungen ohne Normengerede
- Wohnräume: CRI ≥ 90, R9 möglichst >50
- Küche & Bad: CRI ≥ 90, besser 95
- Arbeitsplätze: CRI ≥ 90, neutralweiß
- Werkstatt / Technik: CRI ≥ 80 oft ausreichend, je nach Aufgabe
- Foto / Video / Farben: CRI ≥ 95 + guter R9 oder TM-30 verfügbar
Wenn TM-30 angegeben ist:
- Rf ≥ 90
- Rg zwischen 95 und 105
Fazit
CRI/Ra ist ein brauchbarer, aber grober Richtwert.
R9 zeigt, ob Farben wirklich leben.
TM-30 ist der aktuell beste Weg, Farbwiedergabe realistisch zu beurteilen.
Wer Licht nur nach Kelvin und Lumen auswählt, sieht – aber versteht nicht, warum sich ein Raum gut oder schlecht anfühlt. Farbtreue ist kein Luxus, sondern ein entscheidender Teil von Lichtqualität.
