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CRI, Ra und TM-30 – Farbwiedergabe richtig beurteilen

Helligkeit ist das eine, Lichtqualität das andere. Zwei Lampen können gleich hell sein, die gleiche Farbtemperatur haben – und trotzdem völlig unterschiedlich wirken. Der Grund dafür ist die Farbwiedergabe.

1) Was Farbwiedergabe überhaupt bedeutet

Farbwiedergabe beschreibt, wie natürlich Farben unter künstlichem Licht aussehen, verglichen mit einem Referenzlicht (Sonne oder Glühlampe).

Das betrifft alles:

  • Hauttöne
  • Lebensmittel
  • Holz, Stoffe, Lacke
  • Kabel, Bauteile, Drucke
  • Farben auf Papier oder Bildschirm

Schlechte Farbwiedergabe bedeutet nicht nur „unschön“, sondern oft auch anstrengend fürs Auge und im Alltag schlicht unpraktisch.

Wichtig:
Farbwiedergabe ist unabhängig von Helligkeit (Lumen/Lux) und unabhängig von der Farbtemperatur (Kelvin).

2) CRI / Ra – der klassische Farbwiedergabeindex

Der bekannteste Wert ist der CRI (Color Rendering Index), oft auch Ra genannt. Beides meint im Alltag dasselbe.

Wie CRI funktioniert

  • Es werden 8 standardisierte Testfarben (R1–R8) beleuchtet
  • Die Abweichung zur Referenz wird gemessen
  • Das Ergebnis liegt zwischen 0 und 100
  • 100 = perfekte Farbwiedergabe (theoretisch)

Typische Einordnung

  • CRI < 80 → schlechte Farbwiedergabe
  • CRI 80–89 → Standardqualität
  • CRI ≥ 90 → gute Farbwiedergabe
  • CRI ≥ 95 → sehr hohe Qualität

Im Wohnbereich sollte man unter 80 vermeiden. Für alles, was mit Farben zu tun hat (Küche, Bad, Werkbank, Foto, Video), sind 90+ sinnvoll.

Das große Problem von CRI

CRI ist alt und vereinfachend:

  • nur 8 Farben
  • keine gesättigten Rottöne
  • keine Aussage darüber, wie Farben verfälscht werden
  • ein einzelner Durchschnittswert

Eine Lampe kann CRI 90 haben und trotzdem Hauttöne leblos oder Lebensmittel grau wirken lassen.

3) R9 – der unterschätzte Killerwert

Ein besonders wichtiger Einzelwert ist R9.
Er beschreibt die Wiedergabe eines gesättigten Rottons.

Warum das wichtig ist:

  • Hauttöne bestehen zu großen Teilen aus Rot
  • Fleisch, Obst, Holz, Lippen, Kupfer, Rost ebenfalls
  • LEDs haben hier oft massive Schwächen

Das Problem:

  • R9 fließt nicht in den CRI/Ra-Wert ein
  • Hersteller verschweigen ihn gerne

Faustregel:

  • R9 < 0 → sichtbar schlechte Hauttöne
  • R9 > 50 → brauchbar
  • R9 > 80 → sehr gut

Wenn irgendwo nur „CRI 90“ steht, aber kein R9 angegeben ist, sollte man skeptisch sein.

4) TM-30 – der moderne Standard

TM-30 ist ein neueres, deutlich präziseres Verfahren, entwickelt von der Illuminating Engineering Society (IES).

Im Gegensatz zu CRI:

  • 99 Testfarben statt 8
  • realistischere Farbauswahl
  • getrennte Bewertung von Farbtreue und Farbsättigung
  • grafische Darstellung statt nur einer Zahl

TM-30 liefert zwei zentrale Werte:

Rf – Farbtreue

  • vergleichbar mit CRI, aber deutlich genauer
  • 100 = perfekte Übereinstimmung mit Referenz

Rg – Farbsättigung

  • 100 = neutrale Wiedergabe
  • <100 = Farben wirken entsättigt / flach
  • 100 = Farben wirken kräftiger / gesättigter

Das ist wichtig, weil:

  • leicht gesättigte Farben oft als „angenehm“ empfunden werden
  • zu hohe Sättigung aber künstlich wirkt

TM-30 zeigt also nicht nur ob Farben abweichen, sondern in welche Richtung.

5) Warum TM-30 im Alltag kaum angegeben wird

Ganz einfach:

  • aufwendiger zu messen
  • schwieriger zu erklären
  • weniger marketingtauglich als „CRI 90+“

Deshalb findet man TM-30 meist nur:

  • bei hochwertigen Leuchten
  • im professionellen Bereich
  • in Lichtplanung, Film, Foto, Industrie

Für Endnutzer ist das schade, denn TM-30 ist dem CRI klar überlegen.

6) Typische Fehlannahmen

„CRI 80 reicht doch“
→ Reicht zum Sehen, nicht zum Wohlfühlen.

„Hohe Lumen = gute Lichtqualität“
→ Nein. Helligkeit kaschiert schlechte Farbwiedergabe nur kurzfristig.

„Warmweiß hat automatisch gute Farben“
→ Falsch. Auch warmweiße LEDs können miserable Farbwiedergabe haben.

„CRI 90 ist immer gut“
→ Nicht zwingend. Ohne R9 ist das nur die halbe Wahrheit.

7) Praxisempfehlungen ohne Normengerede

  • Wohnräume: CRI ≥ 90, R9 möglichst >50
  • Küche & Bad: CRI ≥ 90, besser 95
  • Arbeitsplätze: CRI ≥ 90, neutralweiß
  • Werkstatt / Technik: CRI ≥ 80 oft ausreichend, je nach Aufgabe
  • Foto / Video / Farben: CRI ≥ 95 + guter R9 oder TM-30 verfügbar

Wenn TM-30 angegeben ist:

  • Rf ≥ 90
  • Rg zwischen 95 und 105

Fazit

CRI/Ra ist ein brauchbarer, aber grober Richtwert.
R9 zeigt, ob Farben wirklich leben.
TM-30 ist der aktuell beste Weg, Farbwiedergabe realistisch zu beurteilen.

Wer Licht nur nach Kelvin und Lumen auswählt, sieht – aber versteht nicht, warum sich ein Raum gut oder schlecht anfühlt. Farbtreue ist kein Luxus, sondern ein entscheidender Teil von Lichtqualität.