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Philips Hue und das PWM-Problem: Warum ~1 kHz in der Praxis oft deutlich schlechter ist, als viele denken

3. Januar 2026Philips HueFlickerPWM
Philips Hue gilt als eines der ausgereiftesten Smart-Home-Beleuchtungssysteme – hervorragende App, stabiles Zigbee-Netzwerk, riesige Geräteauswahl. Doch wer sich intensiver mit der tatsächlichen Lichtqualität beschäftigt, stößt schnell auf ein technisches Detail, das in kaum einem Prospekt auftaucht, im Alltag aber sehr spürbar sein kann: die Art und Weise, wie Hue die Helligkeit regelt – nämlich fast immer über PWM mit Frequenzen um etwa 1 kHz.

Dieser Beitrag erklärt ausführlich und ohne Bilder,

  • was genau mit dieser PWM-Frequenz passiert,
  • warum 1 kHz keinesfalls als „flicker-free“ durchgeht,
  • welche Effekte im Alltag wirklich stören können,
  • welche Messgrößen seriös sind und
  • warum viele Menschen mit Hue trotzdem zufrieden sind – und andere massive Probleme bekommen.

1. Die drei wichtigsten zeitlichen Lichtartefakte (Temporal Light Artefacts)

Moderne Lichttechnik unterscheidet drei Haupteffekte, die durch zeitlich schwankendes Licht entstehen können:

  1. Flicker (im engeren Sinne) Periodische Helligkeitsschwankungen, die man auch ohne Bewegung sieht. Klassisch wahrnehmbar bis etwa 70–80 Hz. Darüber nimmt die bewusste Wahrnehmung rapide ab.
  2. Stroboskopischer Effekt Bewegte Objekte wirken ruckelig, rotierende Teile (Ventilatorflügel, Bohrer, Fahrradspeichen, Laufräder) scheinen stillzustehen oder sogar rückwärts zu laufen. Dieser Effekt kann bei deutlich höheren Frequenzen auftreten – bis in den unteren kHz-Bereich.
  3. Phantom-Array-Effekt (auch „Phantom Array“ oder „saccadic” multiple images) Bei schnellen Augenbewegungen (Sakkaden) entstehen scheinbare Mehrfachbilder oder eine Art Perlenkette entlang der Bewegungsbahn einer Lichtquelle. Dieser Effekt tritt vor allem bei punktförmigen, stark modulierten Lichtquellen auf und ist bei Frequenzen von einigen hundert Hz bis etwa 3–4 kHz besonders ausgeprägt.

Genau hier liegt der Kern: Während klassisches Flimmern bei 1 kHz fast niemand mehr bewusst sieht, können die beiden anderen Effekte sehr wohl stören – und tun es bei empfindlichen Menschen tatsächlich.

2. Wie Hue technisch dimmt – und warum PWM fast immer zum Einsatz kommt

Die allermeisten Hue-Produkte dimmen über Pulse Width Modulation (PWM):

  • Die LED wird sehr schnell komplett ein- und ausgeschaltet.
  • Die wahrgenommene Helligkeit ergibt sich allein aus dem Verhältnis Einschaltzeit zu Gesamtzyklus (Duty Cycle).
  • Bei 50 % Helligkeit ist die LED beispielsweise genau die Hälfte der Zeit an, die andere Hälfte aus.

Vorteile für den Hersteller:

  • Sehr effizient (wenig Verlustwärme im Treiber)
  • Farbe bleibt bei RGB- und White-Ambiance-Modellen weitgehend stabil
  • Einfache, preisgünstige Treiber möglich

Nachteil: Das Licht ist nicht konstant, sondern wird mit einer festen Frequenz stark pulsiert.

Bei Hue liegt diese Pulsfrequenz in den meisten Modellen zwischen etwa 800 Hz und 1,2 kHz, wobei 1 kHz der am häufigsten genannte und gemessene Wert ist. Es gibt aber Ausreißer (z. B. Hue Go der zweiten Generation mit gemessenen ~586 Hz).

3. Warum genau 1 kHz besonders unangenehm sein kann

3.1 Maximale Modulationstiefe + mittlere Frequenz = schlechte Kombination

Bei echtem PWM schaltet die LED zwischen 0 % und 100 % Strom – das ist die maximal mögliche Modulationstiefe. Je niedriger die eingestellte Helligkeit, desto kürzer werden die Lichtpulse. Genau diese extrem kurzen, harten Pulse sind für das Gehirn besonders anstrengend.

3.2 Der Phantom-Array-Effekt wird bei 1 kHz besonders gut sichtbar

Eine schnelle Sakkade dauert typischerweise 20–80 ms. In dieser Zeit finden bei 1 kHz etwa 20–80 komplette Lichtzyklen statt. Das menschliche visuelle System kann diese diskreten Lichtblitze bei genau dieser Geschwindigkeit noch relativ gut auflösen → es entsteht der Eindruck mehrerer Lichtquellen hintereinander.

Bei 100 Hz wären es nur 2–8 Zyklen → kaum sichtbar. Bei 10 kHz wären es 200–800 Zyklen → das Gehirn mittelt viel stärker. Bei 1 kHz liegt man genau in dem unglücklichen „Sweet Spot“, in dem der Effekt für viele Menschen noch deutlich wahrnehmbar ist.

3.3 Stroboskopischer Effekt bleibt bei vielen Bewegungen relevant

Bei 1 kHz und typischen Duty-Cycles von 10–50 % (also gedimmtes Licht) können immer noch hohe Werte beim Stroboscopic Visibility Measure (SVM) entstehen – besonders wenn Objekte mit 5–20 Umdrehungen pro Sekunde rotieren (Ventilatoren, Küchenmaschinen, Werkzeug, Laufräder).

4. Die wirklich wichtigen Messgrößen (und warum „kein sichtbares Flimmern“ irreführend ist)

Messgröße Was sie bewertet Grenzwerte (vereinfacht) Bei Hue 1 kHz typisch
Percent Flicker Einfache Modulationstiefe <5–10 % wünschenswert Sehr hoch (oft >90 %)
Flicker Index Berücksichtigt Wellenform <0,02–0,1 wünschenswert hoch
PstLM Kurzzeitige Flimmerwahrnehmbarkeit ≤ 1,0 (≤ 0,4 sehr gut) meist 0,8–1,8
SVM Stroboskopische Sichtbarkeit ≤ 0,4 (≤ 0,2 sehr gut) oft 0,6–1,4
Wichtig:
Viele Menschen merken bei 1 kHz kein klassisches Flimmern, haben aber trotzdem hohe SVM-Werte und/oder starken Phantom-Array-Effekt. Deshalb ist „kein sichtbares Flimmern“ technisch gesehen kein Qualitätsmerkmal mehr.

5. Fazit – für wen Hue wirklich problematisch wird

Philips Hue ist nach wie vor hervorragend, wenn es um

  • smarte Steuerung
  • Farbqualität
  • Zuverlässigkeit
  • Ökosystem

geht. Aber in Bezug auf zeitliche Lichtqualität gehört es 2025/2026 nicht mehr zur Spitzenklasse.

Wer empfindlich auf folgende Situationen reagiert, sollte Hue eher meiden oder nur sehr vorsichtig einsetzen:

  • Starke Augenbewegungen beim Lesen am Bildschirm
  • Schnelles Scrollen, Gaming, Office-Arbeit
  • Empfindlichkeit gegenüber künstlichem Licht generell (Migräne, Konzentrationsprobleme)
  • Häufige Videoaufnahmen (Banding-Gefahr extrem hoch)
  • Werkstatt-/Hobbybereich mit rotierenden Werkzeugen

In diesen Fällen lohnt es sich ernsthaft, nach Alternativen mit

  • echter DC-Dimmung (strombasierte Regelung),
  • sehr hoher PWM-Frequenz (>15–25 kHz) oder
  • nachweislich sehr niedrigen PstLM- und SVM-Werten

zu suchen. Solche Produkte werden mittlerweile von mehreren spezialisierten Herstellern angeboten – allerdings meist mit deutlich kleinerem Ökosystem und höherem Preis.

Kurz gesagt: Hue ist hervorragend smart. Aber es ist eben nicht hervorragend in der physiologischen Lichtqualität. Und bei 1 kHz PWM ist das kein Marketing-Detail – das ist ein echtes, technisch nachvollziehbares Problem für einen nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung.