Was dabei fast komplett unter den Tisch fällt: Die Lichtqualität dieser LEDs ist technisch und physiologisch gesehen sehr schlecht. Der ganze Fokus liegt auf Preis, Steuerbarkeit und bunten Animationen – gute Beleuchtungseigenschaften stehen bei diesen Chips nie auf der Prioritätenliste.
Der innere Aufbau ist schnell erklärt. In so einem typischen Chip stecken drei separate LED-Dies (Rot, Grün, Blau), ein simpler Konstantstromtreiber, ein serieller Datenempfänger (entweder One-Wire beim WS2812/SK6812 oder SPI-ähnlich beim APA102) und eine PWM-Logik zur Helligkeitssteuerung. Das Ganze ist bewusst minimalistisch gehalten, um Kosten zu drücken.
Entscheidend: Es gibt kein echtes Weiß. „Weiß“ entsteht immer nur durch additive Mischung der drei Farben. Kein Phosphor, kein breites Spektrum – nur drei schmale Peaks. Schon hier beginnt das eigentliche Problem.
Das größte Übel dieser Chips ist die Art, wie sie gedimmt werden: ausschließlich per Pulsweitenmodulation, kurz PWM. Die LED wird nicht sanft im Strom reduziert, sondern rast mit voller Leistung ein und aus. Die wahrgenommene Helligkeit ergibt sich allein aus dem Verhältnis von Ein- zu Aus-Zeit. Das führt zu einem pulsierenden Lichtstrom, das unser Auge und unser Gehirn unterschiedlich stark wahrnehmen – je nach Helligkeit, Bewegung und individueller Empfindlichkeit.
Bei den klassischen WS2812/WS2812B liegt die PWM-Frequenz meist zwischen 400 und 800 Hz, beim SK6812 etwas höher bei etwa 1–1,2 kHz. Der APA102 schafft es intern auf deutlich höhere Frequenzen (oft um die 19–20 kHz), ist damit aber immer noch kein Garant für Flickerfreiheit. Viele Billigklone liegen sogar deutlich unter 400 Hz.
Frequenzen unter etwa 1–1,5 kHz können physiologisch relevant werden. Besonders bei schnellen Augenbewegungen, im peripheren Sehen oder bei längerer Exposition treten bei vielen Menschen Symptome auf: Augenbrennen, Kopfschmerzen, schnelle Ermüdung, Konzentrationsprobleme. Das ist kein Esoterik-Thema, sondern gut dokumentierte Neurophysiologie. Viele reagieren darauf, ohne das Flackern bewusst wahrzunehmen. Kameras machen das Problem noch sichtbarer – wer schon mal Video von einem WS2812-Strip gemacht hat, kennt die hässlichen Streifen und das unruhige Pulsieren.
Besonders unangenehm wird es bei niedrigen Helligkeiten: Die Aus-Phasen werden extrem lang, die Farbkanäle sind nicht immer perfekt synchron, was zu sichtbarem Farbflicker führt. Warmweiße Simulationen (viel Rot, wenig Blau) oder gedimmte Szenen unter 20 % Helligkeit sind die schlimmsten Fälle. Bewegt man sich im Raum oder filmt, entstehen zusätzlich PWM-Artefakte, die wie ein Stroboskop wirken.
Der Color Rendering Index (CRI) dieser RGB-Chips ist ebenfalls katastrophal. Realistisch liegt er bei einer typischen Weißmischung zwischen 20 und 40 – bei gesättigten Farben oft noch deutlich darunter. Zum Vergleich: Die Sonne und gute Glühlampen erreichen ~100, hochwertige Phosphor-LEDs heute problemlos 90 bis 98. Das bedeutet in der Praxis: Hauttöne wirken blass oder gräulich, Holz sieht billig und plastisch aus, Obst und Gemüse verliert jegliche Appetitlichkeit. Das Licht ist farblich brutal verfälscht.
Ein Blick aufs Spektrum mit einem Spektrometer zeigt sofort, warum: drei scharfe Peaks bei etwa 460 nm (Blau), 520 nm (Grün) und 625 nm (Rot), dazwischen tiefe Täler, besonders im Gelb-, Cyan- und tiefen Rotbereich. Kein kontinuierliches Spektrum, kein Infrarot-Anteil, keine sanften Übergänge. Das Ergebnis sind unnatürliche Schatten, eine typische „Plastikoptik“ bei fast allen realen Materialien und extreme Farbabweichungen. Das ist Effektlicht, kein Beleuchtungslicht.
Das sogenannte Weiß ist zudem extrem instabil. Es hängt vom Blickwinkel ab, verschiebt sich bei Helligkeitsänderungen und driftet mit der Temperatur. Grün verliert bei Erwärmung schneller an Leuchtkraft als die anderen Farben, Blau driftet – plötzlich kippt dein „Weiß“ ins Rosa oder ins Grünliche. Ohne aktive Farbkalibrierung ist ein konstantes Weiß bei längerer Nutzung illusorisch.
Dazu kommen elektrische Schwächen. Viele dieser Chips laufen mit 5 Volt – bei längeren Strips oder schwacher Stromversorgung kommt es zu Spannungseinbrüchen, die zuerst den blauen, dann den grünen Kanal schwächen. Die harten PWM-Flanken erzeugen zudem starke elektromagnetische Störungen, die bei längeren Ketten schnell Funk, Audiogeräte oder sogar den steuernden Mikrocontroller beeinflussen können.
Der APA102 gilt in der Szene oft als deutlich besser – und in manchen Punkten stimmt das auch: externer Clock, höhere PWM-Frequenz, stabilere Datenübertragung. Trotzdem bleibt das Grundproblem: RGB-Mischweiß, schlechter CRI, schmalbandiges Spektrum und immer noch PWM. Besser steuerbar heißt nicht automatisch gutes Licht.
Warum sind diese Chips trotzdem überall? Weil sie absurd günstig sind, kinderleicht anzusteuern und für Show-Effekte, Gaming und Deko perfekt funktionieren. Sie sind nie dafür gedacht gewesen, als vollwertige Beleuchtung zu dienen – und genau das wird ihnen von vielen Herstellern und Influencern unterschlagen.
Fazit WS2812, SK6812, APA102 und ihre Verwandten erzeugen objektiv schlechtes Licht: flickeranfällig, spektral arm, farbverfälschend und physiologisch belastend. Sie sind hervorragend für bunte Effekte, Partystimmung und temporäre Installationen – aber sie sind kein Ersatz für ernstzunehmende Beleuchtung, egal wie oft sie als „smartes RGB“ oder „ambient“ vermarktet werden.
Wer wirklich gutes Licht möchte – sei es fürs Wohnzimmer, das Arbeitszimmer, die Videografie oder einfach für die langfristige Augengesundheit – der kommt um hochwertige LEDs mit CRI ≥ 90 nicht herum. Auf meiner Seite habe ich einige empfehlenswerte Alternativen verlinkt: moderne COB-LEDs, Phosphor-umgewandelte Chips und Strip-Varianten, die mindestens CRI 90 (oft sogar 95+) erreichen, ein sauberes Spektrum bieten und zum Teil sogar flickerfrei oder mit sehr hoher PWM-Frequenz (>10 kHz) arbeiten. Diese LEDs sind ein wenig teurer, aber sie machen den Unterschied zwischen „buntem Licht“ und Licht, mit dem man tatsächlich leben, arbeiten und filmen kann.
Kurz gesagt: Effektbeleuchtung und Beleuchtungslicht sind zwei verschiedene Dinge. Die bunten RGB-Chips gehören in die erste Kategorie – und sollten dort bleiben.
